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Das konstante Hamsterrad.

Lesedauer 4 Minuten

„Du musst versuchen, möglichst schnell aus dem Hamsterrad auszubrechen. Investieren. Ein Risiko wagen. Alles bis ins Unendliche skalieren, um reich, mächtig und berühmt zu werden.”

Sind das nicht die Phrasen, die uns jeden Tag im Internet begegnen? Auf Instagram, LinkedIn, überall. Jeden Tag wird uns gesagt: Das Leben, das du gerade führst, ist nicht gut genug. Der Job, den du machst, machst du für andere. Du wirst es nie zu etwas bringen, solange du im Hamsterrad gefangen bist.

Ist das wirklich so? Tut das Hamsterrad uns wirklich so schlecht?

Ich habe lange Zeit geglaubt, da ist was Wahres dran. Ich muss für mich einen Weg finden auszubrechen. Reich werden. Ein finanziell und ortsunabhängiges Leben führen. Am besten neben all den tollen Influencern in Dubai, wo ich am Tag 15 Posts mache, wie toll es mir geht. Jeden Tag schreibe, wie großartig Dubai ist – weil es die Regierung so will und es Bedingung ist.

Ach, wie wäre das schön.

Wirklich?

Nein.

Der Denkzettel

2017 hatte ich eine OP an der Nase. Erstmal nichts Schlimmes, so dachte man. Ein bisschen die Nasenscheidewand korrigieren, die Nebenhöhlen freikratzen, dann funktioniert das wieder mit der Luft. So war zumindest der Plan.

Dem war auch so. Bis ich während der Pflegephase aus Versehen zu heißes Wasser in die Nasenspülung packte. Beim Spülen platzten sämtliche Nähte und Adern auf. Ich verlor extrem viel Blut.

Ich wachte auf der Intensivstation der Kopfklinik auf.

Da lag ich nun. Alleine im Zimmer. Nur ich und meine Gedanken.

Nach ein, zwei Tagen, als es wieder aufwärts ging, saß ich in meinem Bett. Ich hatte mittlerweile einen Zimmernachbarn – einen älteren Herrn, sehr angenehm. Wir unterhielten uns lange.

Ich erzählte ihm, was ich arbeite. Wie viele Stunden. Welchen Stress wir haben. Ständig erreichbar sein. Jeder Tag fliegt an mir vorbei.

Er hörte eine Weile zu. Dann schaute er mich an und sagte: „Das Schicksal und dein Körper haben dir vor drei Tagen einen Denkzettel verpasst. Nicht aus Langeweile, sondern um dich zu schützen. Denk darüber nach.”

Ich konnte nichts mehr sagen. Blickte ihn lange an. Dann legte ich mich hin.

Das Schicksal, meinte er.

Die Anhöhe

Ungefähr 14 Tage später war ich zu Hause. Alleine. Spazieren. Bei bestem Wetter setzte ich mich auf eine Anhöhe am Waldrand. Es war einer dieser Frühlingstage. Ruhig. Die Sonne wärmte mein Gesicht. Ich blickte einfach nur ins Tal.

Einfach nur?

Nein. Auf keinen Fall.

Ich war besessen von der Schicksalsfrage. Was meinte er damit? Wie kann ich für mich etwas ändern?

Dann fiel mir ein Zitat ein. Aus einem philosophischen Buch, das ich mal gelesen hatte. Warum ich es gelesen hatte? Ich dachte, ich müsste meinen Horizont erweitern. Aber dort stand ein tolles Zitat:

„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.”

So habe ich beschlossen: Es muss sich was ändern.

Was sich verändert hat

Um es vorwegzunehmen: Nein, ich bin nicht aus dem Hamsterrad ausgebrochen. Ich wohne auch nicht in Dubai.

Aber ich lebe mittlerweile anders.

In den kommenden Jahren habe ich den Job gewechselt – in der gleichen Branche geblieben, denn das kann ich und ich liebe meinen Job. Meine Ehe habe ich beendet. Nach 12 Jahren Beziehung und zwei gemeinsamen Kindern haben wir uns getrennt.

Meinen Fokus habe ich geändert. Mich wieder in den Fokus genommen.

Ob ich das als Vater darf? Ich weiß es nicht. Aber meine Kinder haben einen Vater verdient, der ebenfalls glücklich ist und ein ordentliches Leben führen kann.

Drei Jahre später habe ich dann meine heutige Verlobte kennengelernt. Und einen weiteren Sohn, Bonussohn, dazubekommen.

Heute

Heute lebe ich immer noch im Hamsterrad.

Aber es geht mir gut dabei.

Ich habe gelernt, vieles zu akzeptieren. Glücklich zu sein mit dem, was ist. Klar gelingt mir das nur in Teilen – jeder hat Träume. Aber es ist es nicht wert, nur den Träumen hinterherzujagen und dabei das eigentliche Jetzt, das Sein, zu vergessen.

Das Hamsterrad gibt mir Sicherheit. Und durch viel Fleiß und Willen habe ich mich parallel so weitergebildet, dass ich heute sagen kann: Das Hamsterrad ist für mich gut. Ich kann es ohne viel Anstrengung so schnell drehen lassen, dass es mir ein ordentliches Leben ermöglicht.

Ich brauche keine Villa in Dubai. Ich brauche keinen Lamborghini vor der Tür. Ich brauche keine 100.000 Follower, die mir sagen, wie toll mein Leben ist.

Ich brauche ein Leben, das sich echt anfühlt. Eins, in dem ich abends mit meinen Kindern auf der Couch sitze und weiß: Das hier zählt.

Die andere Freiheit

Vielleicht ist das die wahre Freiheit: Nicht aus dem Hamsterrad auszubrechen, sondern herauszufinden, wie schnell man es drehen will. Und wofür.

Die Influencer verkaufen uns eine Lüge. Sie sagen: Du bist nur frei, wenn du aussteigst. Wenn du kündigst, alles riskierst, auf Bali arbeitest, ortsunabhängig lebst.

Aber vielleicht ist Freiheit auch: Zu wissen, wofür man arbeitet. Einen Job zu haben, der einen nicht auffrisst. Zeit für die Kinder zu haben. Abends runterkommen zu können.

Das Hamsterrad ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn wir vergessen, warum wir drin sind.

Das Schicksal und die Entscheidung

Der alte Mann auf der Intensivstation hatte recht. Das Schicksal hat mir einen Denkzettel verpasst. Nicht, um mich rauszuwerfen aus meinem Leben. Sondern um mich wachzurütteln. Um mich zu fragen: Lebst du gerade? Oder funktionierst du nur?

Ich habe mich entschieden zu leben. Im Hamsterrad. Aber bewusst.
Und weißt du was? Das fühlt sich verdammt gut an.

Wie geht’s euch dabei? Strebt ihr ständig nach dem großen Glück? Oder seid ihr auch mal zufrieden mit dem, was ist?


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