|

Zwischen Wal und Wahnsinn

Lesedauer 4 Minuten

Da ist er wieder, dieser legendäre Moment. Eine Push-Nachricht erscheint: Breaking News.

Ihr erinnert euch noch an das “Trumpeltier”? Diesmal war es ähnlich. Fast.

Es ist ein Wal.

Ich habe die Nachricht erst weggewischt. Dachte: Was interessiert mich jetzt ein Wal? Ich habe andere Probleme. Die Welt hat andere Probleme.

Nach einer Weile dachte ich: Eigentlich könnte da etwas dran sein.

Das verfrühte Sommerloch

Normalerweise haben wir doch solche Schlagzeilen immer um die Sommermonate. In der politischen Pause. Um die gähnende Langeweile zu überbrücken.

Irgendwo wird ein Tiger gesichtet. Ein Krokodil taucht plötzlich in einem Baggersee auf. Eine übergroße Schlange wird auf einem Baum entdeckt.

Diesmal aber war es anders.

Es ist weder Sommer, noch ist es eine Fiktion. Der Wal ist tatsächlich da. In der Ostsee. Lebend – noch. Wie lange, wissen wir nicht. Aber sichtbar für alle.

Mein erster Gedanke: Mega! Endlich mal eine andere Story.

Und die Medien? Die haben natürlich einen Hype draus gemacht. Wie immer. Als hätten sie auf den Wal gewartet, um endlich die vorbereiteten Schlagzeilen aus der Schublade zu holen.

Plötzlich sind wir alle Wal-Experten

Es liegt in Deutschland in unseren Genen, dass wir alle im Grunde allwissend sind und auf jegliche Art von Wissenslücke bestens vorbereitet.

Wir sind Fußballtrainer. Bundeskanzler. Skispringer. Handballer. Zumindest im Geiste. Von der Couch aus.

Diesmal aber ist es anders. Diesmal sind wir Meeresbiologen. Wal-Experten. Tiefseeforscher. Wissenschaftler.

Und ein ganz ausgewählter Kreis an Menschen – um den, wie soll es anders sein, Influencer Robert Marc Lehmann – sind sogar Wal-Flüsterer.

Ja, Wal-Flüsterer. Eine ganz neue Spezies: Der Wal-fluencer.

Wer hätte das gedacht.

Ich scrolle durch Instagram und sehe: Jeder hat eine Meinung. Jeder weiß, was zu tun ist. Jeder weiß, was der Wal braucht.

Ich selbst weiß es leider nicht. Aber das hält mich nicht davon ab, weiterzuscrollen.

Zwischen Instagram und Wissenschaft

Da gibt es die selbsternannten Experten. Die ihr Wissen ausschließlich aus dem Content diverser Wal-fluencer ziehen. Und das für das einzig Wahre halten.

Ich möchte hier aber niemandem die Expertise absprechen. Ich teile nur meinen Standpunkt.

Und dann gibt es die Wissenschaft. Die sich tatsächlich mit dem Thema beschäftigt. Täglich. Seit Jahren.

Und wie soll es anders sein: Es entfacht eine Diskussion.

Was ist mit dem Wal zu machen? Wie kann er gerettet werden? Soll man ihn überhaupt retten? Oder will er vielleicht einfach nur in Ruhe sein Leben zu Ende bringen?

Ich weiß es nicht.

Eventuell weiß es der Wal-Flüsterer.

Die Realität

Während ich das hier schreibe, lebt der Wal noch.

Wie lange, das können wir nicht vorhersagen.

Die Nachrichten sagen: Er ist krank. Er hat die Orientierung verloren. Wahrscheinlich wird er sterben.

Aber heute – heute lebt er noch. Irgendwo in der Ostsee. Langsam. Ruhig.

Und die Leute stehen am Ufer und machen Fotos. Bis zu dem Moment, als der Bereich gesperrt wurde. Weil man erkannt hatte: Der Wal braucht seine Ruhe.

Was irgendwie sympathisch ist. Selbst im Hype gibt’s noch Vernunft.

Die willkommene Ablenkung

Die Frage, die sich mir stellt: Darf ich mich überhaupt freuen über so einen Moment?

In Zeiten, in denen die Welt so stark verrückt ist. In denen täglich Hiobsbotschaften über Kriege, Krisen und andere Gräueltaten auf mich einprasseln.

Darf ich mich freuen über einen Wal?

Ja, klar, denke ich.

Und weißt du was? Ich tu’s einfach.

Vielleicht ist es die willkommene Flucht aus der Normalität. Vielleicht ist es Verdrängung. Vielleicht ist es einfach: Ich brauche das gerade.

Ich kann nicht mehr jeden Tag nur schlechte Nachrichten lesen. Ich kann nicht mehr nur funktionieren. Ich brauche manchmal auch etwas anderes.

Und wenn es ein Wal ist – dann ist es eben ein Wal.

Und das ist völlig okay.

Der Moment zählt

Der Wal wird wahrscheinlich sterben. Davon gehen wir aus.

Die Welt wird weiter verrückt sein.

Die Kriege werden weitergehen. Die Krisen werden bleiben. Trump wird weiter Trump sein.

Aber für einen Moment – für diesen einen Moment – ist da etwas anderes.

Etwas Großes. Etwas Ruhiges. Etwas, das uns rausgeholt hat aus dem Dauerchaos der Schlagzeilen.

Und das zählt.

Auch wenn es nicht ewig hält. Auch wenn morgen wieder alles beim Alten ist.

Wir hatten diesen Moment. Und der war echt.

Zwischen Wal und Wahnsinn

Vielleicht ist das die Balance, die wir brauchen.

Zwischen der Realität – die oft kaputt ist – und den Momenten, die uns daran erinnern: Es gibt noch mehr.

Einen Wal, der durch die Ostsee schwimmt.

Einen Sonnenuntergang, den wir nicht fotografieren.

Ein Kind, das lacht.

Eine gute Nachricht zwischen hundert schlechten.

Kleine Dinge. Große Dinge. Dinge, die uns für einen Moment rausholen.

Das Ungewisse

Ich weiß nicht, ob der Wal es schaffen wird.

Ich weiß nicht, ob die Welt wieder normaler wird.

Ich weiß nicht, ob wir irgendwann mal aufhören, ständig nur überfordert zu sein.

Aber ich weiß: Heute schwimmt ein Wal in der Ostsee. Und für einen Moment haben wir alle gemeinsam hingeschaut.

Nicht weil wir Wal-Experten sind. Nicht weil wir die Lösung haben.

Sondern weil wir es gebraucht haben.

Eine Pause. Ein Moment des Staunens. Etwas anderes als nur Chaos.

Und das – das ist nicht nur okay. Das ist wichtig.

Zwischen Wal und Wahnsinn – vielleicht brauchen wir beides. Das Chaos und die Pause. Die Realität und den Wal. Und manchmal dürfen wir uns einfach freuen, ohne schlechtes Gewissen.

Habt ihr auch solche Momente? Momente, die euch rausholen? Dinge, über die ihr euch freut, auch wenn drumherum alles verrückt ist? Oder denkt ihr manchmal: Darf ich das überhaupt?

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert