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So lange du deine Füße…

Lesedauer 4 Minuten

Wir können es selbst kaum fassen.

„So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, musst du unsere Regeln akzeptieren.”

Es ist passiert. Wir haben den wahrscheinlich meistgehassten Satz aus Teenager-Augen selbst gesagt.

Es ist einfach so passiert. Während einer Diskussion beim Abendessen. Über – wie soll es anders sein – Zeiten, zu denen mein Bonussohn zu Hause sein soll.

Wie ihr wisst, ist er 17. Wird nächstes Jahr 18. Und hatte die Vision, dass er dann machen kann, was er will.

Leider mussten wir ihn da enttäuschen.

Der Satz

Den Satz kennen wir beide.

Von unseren eigenen Eltern. Haben ihn gehasst damals.

Gefunden: ungerecht, altmodisch, bevormundend.

Geschworen: „Das sagen wir nie zu unseren Kindern.”

Und jetzt? Jetzt sitzen wir da. Sagen genau diesen Satz. Und verstehen plötzlich, warum unsere Eltern ihn gesagt haben.

Die Ironie ist nicht zu übersehen.

Das Loslassen beginnt

Wir kommen langsam an den Punkt: Wir müssen loslassen.

Eins von drei Kindern wird erwachsen.

Bald ist es vorbei. Mit der Zeitvorgabe, wann er zu Hause sein soll. Mit dem Schauen, mit wem er sich trifft oder abgibt.

Die Zeit läuft. Für ihn. Aber auch für uns.

Wir gewinnen ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit zurück.

Aber das Gefühl mischt sich mit der Gewissheit: Die Kindheit ist vorbei.

Die guten alten Zeiten

Kennt ihr noch die Zeiten?

Als sie noch kleine Jungs waren. Um 21 Uhr zu Hause. Kein Stress wegen Partys. Keine „Fragt mich am besten nix, ihr nervt”-Phase.

Ach, war das schön.

Kennt ihr alle, oder?

Die neue Phase

Jetzt kommt eine neue Phase.

Die Phase der Selbstfindung. Der Freiheit. Der elterlichen Akzeptanz, dass es eben ist, wie es ist.

Denn am Ende wollen wir alle nur das Beste. Dass die Kinder sich frei entwickeln können.

Aber wie geht das? Loslassen und trotzdem beschützen?

Die Nächte

Früher: „Bis 22 Uhr zu Hause.”

Er hält sich dran. Meistens.

Jetzt: Party am Wochenende, jedes Wochenende.

„Wann kommst du nach Hause?”

„Weiß nicht. Irgendwann.”

Und wir? Liegen wach. Hören auf jedes Geräusch, okay, ich, meine Verlobte schläft trotzdem wie ein Stein.

1 Uhr. Nichts.

2 Uhr. Nichts.

3 Uhr. (Meine alte Freundin, die Uhrzeit – ihr wisst schon, meine Zeit)

Endlich: Ich höre den Aufzug und die Schritte zur Wohnung, Erleichterung macht sich breit.

Aber mit 18? Da können wir das nicht mehr kontrollieren.

Die Ängste

Die Gedanken kommen:

Was, wenn er zu viel trinkt? Was, wenn er ins Auto von jemandem steigt, der getrunken hat? Was, wenn er Mist baut?

Die Ängste werden nicht weniger. Im Gegenteil.

Je älter er wird, desto mehr Freiheiten. Desto mehr Risiken.

Und wir? Können nichts tun. Außer: Vertrauen.

Das Auto

Er macht gerade den Führerschein.

Bald darf er fahren. Allein.

Wir wissen beide noch, wie wir mit 18 gefahren sind: Zu schnell. Zu risikoreich. Zu selbstbewusst.

Und jetzt soll er das auch?

Die Vorstellung macht uns Angst.

Aber was können wir tun? Verbieten? Geht nicht. Warnen? Hört er zu?

Bleibt uns nur: Vertrauen.

„Mit 18 mache ich, was ich will”

Der Satz kommt immer öfter.

„Mit 18 mache ich, was ich will.”

Bei Diskussionen über Ausgehzeiten. Ordnung im Zimmer. Die Zukunft. Eigene Wohnung.

„Mit 18 entscheide ich selbst.”

Und er hat recht. Rechtlich gesehen.

Aber als Eltern? Als Bonuseltern? Da könnte man nachdenklich werden.

Die Frage was bleibt

Was bleibt von uns, wenn er 18 ist?

Wenn er rechtlich nichts mehr mit uns zu tun haben muss? Wenn er ausziehen könnte? Wenn die Regeln nicht mehr gelten?

Sind wir dann noch wichtig?

Oder sind wir dann nur noch: Seine Mutter und ihr Verlobter. Die Leute, die ab und zu da sind. Menschen, die er nicht braucht.

Die Angst ist da. Leise, aber da.

Wie es anfing

Als ich ihn kennengelernt habe – als neuer Mensch in seinem Leben – war er 11 und wurde 12.

Damals war ich „der Freund von Mama”. Nicht wichtig. Nicht relevant. Nur da.

Dann, über die Jahre: Gemeinsame Abendessen. Gespräche über Schule.

Diskussionen über Regeln. Momente, wo er uns vertraut hat. Momente, an denen wir uns alle genervt haben.

Langsam aber wurden wir mehr als „Mama und ihr Freund”. Langsam wurden wir: eine Familie.

Und jetzt? Wird er 18.

Und wir fragen uns: War das alles umsonst?

Das Verrückte dabei

Wir wollen ihn loslassen. Weil das richtig ist. Weil das zum Erwachsenwerden gehört. Ich mehr als meine Verlobte – aber wahrscheinlich liegt das am Muttersein.

Aber gleichzeitig: Wollen wir ihn beschützen. Wollen wir ihn vor Fehlern bewahren. Wollen wir ihn sicher wissen.

Loslassen und Festhalten gleichzeitig.

Wie soll das gehen?

Die Gespräche

Wir versuchen, mit ihm zu reden:

„Pass auf dich auf.”

„Ruf an, wenn was ist.”

„Du weißt, du kannst immer zu uns kommen.”

Er nickt. „Ja, ich weiß.”

Aber hört er wirklich zu? Oder denkt er: „Ist schon gut, ich bin alt genug”?

Wir wissen es nicht. Wir hoffen es nur.

Das Vertrauen

Am Ende bleibt nur: Vertrauen.

Vertrauen, dass er klug entscheidet. Vertrauen, dass er nicht jeden Fehler macht, den wir gemacht haben. Vertrauen, dass die Jahre, die wir zusammen hatten, etwas gebracht haben.

Vertrauen, dass er weiß: Wir sind da. Auch mit 18. Auch mit 20. Auch mit 30.

Wenn er uns braucht.

Aber er muss selbst entscheiden, ob er uns braucht. Wir werden uns nicht mehr aufdrängen.

Der Satz, neu verstanden

„So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, gibt es Regeln.”

Der Satz hat eine neue Bedeutung bekommen.

Früher dachten wir: Es geht um Macht.

Heute wissen wir: Es geht um Schutz.

Die Regeln sind nicht, um ihn zu kontrollieren. Sondern um ihn zu schützen.

So lange er hier wohnt, tragen wir Verantwortung.

Aber mit 18? Da endet unsere Verantwortung. Rechtlich zumindest. Da beginnt seine.

Die Realität

Die Realität ist: Er ist nicht mehr klein.

Er ist kein Kind mehr. Er ist fast erwachsen.

Und das bedeutet: Er macht seine eigenen Fehler. Er lernt selbst. Er entscheidet selbst.

Wir können ihn nicht mehr beschützen. Nicht mehr kontrollieren. Nicht mehr bestimmen.

Das müssen wir akzeptieren. Auch wenn es wehtut.

Die Hoffnung

Vielleicht bleibt die Beziehung. Vielleicht bleibt das Vertrauen.

Vielleicht ruft er an, wenn was ist. Vielleicht kommt er zu uns, wenn er Rat braucht. Wie wir alle wissen, wissen heranwachsende Teenager ohnehin alles besser.

Vielleicht bleibt etwas von den Jahren, die wir zusammen hatten.

Das hoffen wir. Das ist alles, was wir haben: Hoffnung.

Die neue Phase

Die Phase der Selbstfindung. Der Freiheit. Der elterlichen Akzeptanz.

Dass es ist, wie es ist.

Dass wir loslassen müssen.

Dass wir vertrauen müssen.

Dass wir da sein müssen – aber nicht mehr bestimmen können.

Das ist die neue Phase.

Und wir? Lernen gerade, damit umzugehen.

Gemeinsam.

Habt ihr auch Kinder, die erwachsen werden? Wie geht ihr damit um – mit dem Loslassen?

Habt ihr auch Angst? Vor dem, was passieren könnte?
Und wie schafft ihr es, zu vertrauen? Oder ist es nur bei uns so schwer?

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