Täglich grüßt das Trumpeltier.
Da ist er wieder. Einer dieser mittlerweile schon fast gewohnten Morgenmomente. Aufwachen, Blick aufs Handy und – wie sollte es anders sein – unzählige Benachrichtigungen diverser Apps über irgendwelche weitreichenden und weltverändernden Aussagen von Donald Trump.
Ich mache mir zunächst keine Gedanken. Bin nicht mehr überrascht. Schon fast schlagzeilen-müde. Gelangweilt. Ein bisschen Krieg hier, ein paar Zölle da, ein paar abwertende Bemerkungen über die EU und dann war da irgendwo noch die Ukraine, als wäre das nicht genug, kommt der Iran auch noch ins Spiel und wir wissen jetzt alle wo die Straße von Hormus ist.
Wie gesagt, zunächst keine Gedanken.
Später, wenn ich dann meine eigentliche Morgenroutine starte – Zeitung lesen, Kaffee trinken – kommen sie hoch, die Verknüpfungen zwischen den Aussagen von DT und dem aktuellen Weltgeschehen. Da wird mir wieder klar: Verdammt, warum ist alles so unruhig? Was hat sich eigentlich seit Corona 2020 verändert? Wie schön war es doch davor.
Oder war es das wirklich?
Ich bin Realist. Versuche vieles positiv zu sehen. Aber ich weiß auch: Es wird nicht mehr so sein wie früher. Wir müssen die neue Realität als das aktuelle Sein betrachten. Ob wir wollen oder nicht.
Wenn ich dann den ersten Schock verdaut habe, die Titelseite und Schlagzeilen durch sind, wechsle ich die Seite. Dort wird das allgemeine Politikgeschehen beleuchtet und passende Leserbriefe werden veröffentlicht.
Und da kommt dann wieder dieser Moment.
Dieser Moment, in dem ich denke: Im Grunde ist es doch alles gar nicht so schlimm. Die einen regen sich über irgendwelche Pronomen und gendergerechte Sprache auf. Die anderen diskutieren, ob man Veggie-Burger überhaupt Burger nennen darf. Wiederum andere beschweren sich, dass der Klimawandel nicht verlangsamt wird – formieren aber gleichzeitig Bürgerbewegungen gegen Windräder.
Ach, wie schön ist unser doppelmoralisches Leben doch.
Manchmal denke ich gerne an meine Kindheit zurück. Auch ich habe Teile von Astrid Lindgrens Klassiker miterlebt. Pippi Langstrumpf. „Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach’ mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt.”
Sind wir nicht alle ein bisschen Pippi?
Leben wir besser, wenn wir die Welt so malen, wie sie uns gefällt? Wenn wir nur das wahrnehmen, was wir wollen? Die Schlagzeilen überfliegen, kurz aufregen, dann weiterblättern zu den Veggie-Burger-Diskussionen?
Ich weiß es nicht.
Das große Wegschauen
Was ich aber weiß: Irgendwas in mir wehrt sich gegen diese Abstumpfung. Gegen dieses „Ach ja, schon wieder Trump”. Gegen diese Schlagzeilen-Müdigkeit, die sich wie Schimmel auf meinen Nachrichten-Feed legt.
Denn wenn ich ehrlich bin, ist es nicht Gleichgültigkeit, die ich fühle. Es ist Überforderung.
Wie soll ich mich konzentrieren auf meinen Alltag – Kinder, Job, die Frage, was ich heute Abend koche – wenn gleichzeitig irgendwo Krieg ist, Demokratien wanken und ein Mann mit zu viel MachtTwitter-Tiraden raushaut, die echte Konsequenzen haben?
Und gleichzeitig: Was soll ich denn tun? Ich kann nicht die Welt retten. Ich kann kaum mein eigenes Leben auf die Reihe kriegen.
Also mache ich, was die meisten machen: Ich schaue weg. Ein bisschen. Nicht komplett, aber dosiert. Ich scrolle weiter. Ich blättere um. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann.
Die Schuldfrage
Aber ist das okay?
Bin ich ein schlechter Mensch, weil mich die hundertste Trump-Schlagzeile nicht mehr aufregt? Weil ich die Nachrichten aus der Ukraine manchmal einfach überfliege, weil ich es nicht mehr ertrage?
Oder ist das einfach Selbstschutz? Die einzige Möglichkeit, in dieser Dauerkrise nicht verrückt zu werden?
Ich habe keine Antwort darauf. Aber ich merke: Ich bin nicht allein mit diesen Gedanken. Viele Menschen um mich herum wirken ähnlich… erschöpft. Abgestumpft. Und gleichzeitig irgendwie schuldig deswegen.
Wir leben in einer Welt, in der uns jeden Tag gesagt wird: Alles ist wichtig. Alles ist dringend. Du musst informiert sein. Du musst Haltung zeigen. Du musst dich kümmern.
Und wir versuchen es ja. Aber irgendwann ist der Tank leer.
Die Pippi-Langstrumpf-Falle
Zurück zu Pippi. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.”
Das klingt erstmal befreiend. Einfach die negativen Nachrichten ausblenden, sich aufs Positive konzentrieren, das Schöne sehen.
Aber ist das nicht auch ein bisschen… gefährlich?
Wenn wir alle nur noch die Welt sehen, wie sie uns gefällt – wer kümmert sich dann um die Welt, wie sie wirklich ist?
Ich will nicht der Typ sein, der wegschaut. Aber ich will auch nicht der Typ sein, der sich jeden Morgen von Schlagzeilen fertigmachen lässt und am Ende handlungsunfähig auf der Couch sitzt.
Irgendwo dazwischen muss es doch einen Weg geben.
Mein kleiner Versuch
Ich habe angefangen, bewusster zu entscheiden, was ich an mich ranlasse. Nicht alles lesen. Nicht jeden Push öffnen. Nicht jede Diskussion führen.
Ich versuche, mich auf die Dinge zu konzentrieren, bei denen ich tatsächlich etwas tun kann. Lokal. Im Kleinen. In meinem Umfeld.
Und ich versuche, mir selbst zu verzeihen, dass ich nicht die Welt rette. Dass ich manchmal einfach nur Vater sein will, Partner, Mensch – ohne ständig das große Ganze im Kopf zu haben.
Vielleicht ist das naiv. Vielleicht ist es Verdrängung. Vielleicht ist es genau das, was „die da oben” wollen – dass wir abstumpfen, aufgeben, uns zurückziehen.
Aber vielleicht ist es auch das Einzige, was mich langfristig handlungsfähig hält.
Und morgen?
Morgen werde ich wieder aufwachen. Wieder aufs Handy schauen. Wieder werden da Schlagzeilen sein.
Vielleicht über Trump. Vielleicht über Kriege. Vielleicht über Veggie-Burger.
Und ich werde entscheiden müssen: Was lasse ich an mich ran? Was blende ich aus? Wo schaue ich hin, wo schaue ich weg?
Ich weiß nicht, ob das die richtige Strategie ist. Ich weiß nur, dass ich keine bessere habe.
Wie geht’s euch damit? Schafft ihr es noch, euch aufzuregen? Oder seid ihr auch schon schlagzeilen-müde? Und wenn ja – wie geht ihr damit um?
