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Plötzlich Bonus-papa.

Lesedauer 4 Minuten

Früher habe ich im Fernsehen immer mal wieder den Begriff „Bonustochter” gehört. Meist im Zusammenhang mit Carsten Maschmeyer, der so über die Tochter seiner Frau Veronica Ferres sprach. Anfangs dachte ich immer: Warum betont er das so? Er ist halt Stiefvater geworden, wie tausende andere auch.

Aber da liegt wahrscheinlich der kleine, aber feine Denkfehler: „halt Stiefvater” vs. „Bonuspapa”.

Im Grunde ist es das Gleiche, so meine Meinung. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, gibt einem der Begriff „Bonus” doch ein viel positiveres Gefühl als der Begriff „Stief”, oder?

Stief würde ich aus meiner Sicht erstmal damit gleichsetzen: Da ist ein Kind dazugekommen, das muss ich akzeptieren, weil ich die Mutter liebe.

Bonus klingt anders. Als würde man sagen: Ich liebe die Mama – und das Kind, das zu ihr gehört, ist ein Geschenk dazu.

Letzteres klingt wieder sehr romantisch. Nach Best-Life-Practice.

Ist es aber überhaupt nicht.

Die Vorstellung

Als wir uns kennengelernt haben – zeitgemäß, online, auf einer Dating-Plattform – haben wir Tage und Nächte lang geschrieben. Über alles. Über uns. Über unsere Vergangenheit. Über unsere Kinder.

Kleiner Reminder: Ich habe zwei. Sie hat eines.

Wir schrieben darüber, wie es werden wird, wenn wir uns alle treffen. Eine schöne große Familie. Ein glücklich zusammengewürfelter Haufen. Patchwork eben.

Es fühlte sich beim ersten Treffen schon so an, als würde ich sie länger kennen. Lustiger Side Fact.

Aber bevor es soweit kommen konnte, mussten wir uns natürlich selbst erstmal kennenlernen. Ohne Kinder. Nur wir zwei.

Das erste Mal

Nach drei Monaten – damals mitten in der Corona-Zeit, zwischen Maskenpflicht und Ausgangssperren – war es dann soweit.

Ich wurde ihrem Sohn vorgestellt.

Nicht gleich als Partner. Sondern als guter Freund. Für mich völlig okay.

Ich war aufgeregt. Mehr als ich zugeben wollte. Was, wenn er mich nicht mag? Was, wenn ich irgendwas Falsches sage? Was, wenn er spürt, dass ich keine Ahnung habe, wie das geht – Bonuspapa sein?

Im Nachhinein betrachtet war die Aufregung eher grundlos. Es lief alles ganz entspannt ab.

Wir haben ein bisschen geredet. Ein bisschen gespielt. Nichts Großes. Nichts Dramatisches.

Nach und nach, in den folgenden Monaten, bauten wir eine Beziehung auf. Zunächst etwas distanziert. Vielleicht auch eher zweckmäßig.

Ich war der Freund von Mama. Nicht mehr. Nicht weniger.

Der steinige Bonusweg

In den zurückliegenden Jahren war der Weg hin zum Bonuspapa kein einfacher. Auch heute bei weitem noch nicht.

Gepflastert von vielen Hochs und Tiefs. Von Momenten, in denen es sich richtig anfühlte – und von Momenten, in denen ich dachte: Schaffe ich das überhaupt?

Es gab Situationen, die uns innerhalb der Beziehung hart an die Grenzen brachten. Die uns alles abverlangten. Verständnis. Kompromissbereitschaft. Ständige Gesprächsbereitschaft. Durchhaltevermögen.

Dinge, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.

Zum Beispiel: Darf ich erziehen? Darf ich „Nein” sagen, wenn sein leiblicher Vater vielleicht „Ja” gesagt hätte? Wo sind meine Grenzen – und wo fangen seine Bedürfnisse an?
Und dann kam noch etwas anderes dazu.

Das schlechte Gewissen

Ich fühle mich heute nicht wirklich als Bonuspapa.

Warum?

Weil ich meinen Bonussohn mehr sehe als meine eigenen Kinder.

Lies den Satz nochmal. Lass ihn sacken.

Ich sehe meinen Bonussohn beinahe jeden Tag. Wir essen abends zusammen. Wir reden über seinen Tag, je nach Laune – denn er ist mittlerweile kurz vor seinem 18. Geburtstag.

Meine eigenen Kinder sehe ich alle 14 Tage am Wochenende und einmal unter der Woche.

Und das nagt an mir. Des Öfteren.

Sehr oft habe ich Selbstzweifel, ob das alles so richtig ist. Ob ich ein guter Vater bin. Ob ich meine eigenen Kinder vernachlässige, während ich für ein anderes Kind öfter da bin.

Niemand redet darüber. Aber es ist da. Dieses nagende Gefühl.

Bin ich egoistisch, weil ich eine neue Beziehung eingegangen bin? Bin ich ein schlechter Vater, weil ich nicht bei meinen Kindern wohne? Bin ich ein Heuchler, weil ich für ein fremdes Kind mehr Zeit habe als für meine eigenen?

Ich weiß es nicht.

Heute

Heute kann ich sagen: Es hat Jahre gedauert, ein freundschaftliches und gut funktionierendes System aufzubauen zwischen mir als Verlobtem und meinem Bonussohn.

Ja, ich nenne ihn Bonussohn. Weil er es verdient hat. Weil er nichts dafür kann, dass ich manchmal mit mir hadere. Weil er ein guter Junge ist, der einfach nur sein Leben leben will.

Und weil ich während der letzten Jahre auch mit meinen eigenen Kindern Wege gefunden habe, gut funktionierende Kommunikation zu haben und viel Zeit miteinander zu verbringen – auch wenn es nicht jeden Tag ist. Aber es ist viel mehr als zu Beginn der Trennung.

Aber auch heute ist es bei weitem noch kein Ponyhof.

Denn es gibt ja auch noch die Beziehung zwischen meiner Verlobten und meinen Kindern. Wie sie miteinander umgehen. Wie meine Kinder sie sehen. Wie sie versucht, für sie da zu sein, ohne sich aufzudrängen. Bonusmama eben.

Dazu werde ich in einem extra Artikel eingehen. Das würde hier den Rahmen sprengen.

Die Erkenntnis

Mir ist bewusst geworden: Die Patchwork-Vorstellung ist ein ständiges Arbeiten. Vor allem Durchhaltevermögen. Geduld. Kompromisse.

Es fordert einen oft an den Rand der Kraftlosigkeit.

Niemand sagt dir vorher: Du wirst dich manchmal zwischen zwei Familien zerrissen fühlen. Du wirst dich fragen, ob du jemandem gerecht wirst. Du wirst Momente haben, in denen du denkst: Warum habe ich mir das angetan?

Aber dann gibt es auch die anderen Momente.

Wenn mein Bonussohn mich begrüßt und mir von sich aus von seinen Erlebnissen berichtet. Wenn meine Kinder am Wochenende erzählen, was sie erlebt haben. Wenn wir alle zusammen am Tisch sitzen – meine Verlobte, mein Bonussohn, meine beiden Kinder, ich – und es fühlt sich richtig an. Die gemeinsamen Urlaube. Ja, es gibt diese Momente.

Nicht perfekt. Aber richtig.

Bonuspapa zu sein bedeutet nicht, dass man sofort eine Beziehung hat. Nicht, dass man geliebt wird. Nicht, dass alles reibungslos läuft.

Es bedeutet: Man ist da. Man versucht es. Man hält durch.

Und vielleicht – vielleicht – wird daraus irgendwann etwas Echtes.

Geht es euch auch so? Habt ihr auch das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen? Und fragt ihr euch manchmal: Wem werde ich eigentlich gerecht?

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