40.000 Menschen und ihre Meinung
Es ist jetzt 2 Wochen her.
Ich habe einen Blog-Artikel geschrieben. Über einen Wal in der Ostsee. Ihr erinnert euch bestimmt.
Den Wal hatte ich für mich als metaphorische Brücke genutzt. Um auf gesellschaftliche Abläufe hinzuweisen. Auf die Frage: Dürfen wir uns freuen, wenn die Welt chaotisch ist?
Ein Reel hatte ich dazu gemacht. Gepostet. Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Das Reel ging – für meine Verhältnisse als frischer Blogger – durch die Decke.
Knapp 40.000 Views.
Das ist schon krass.
Das sind mehr Menschen, als ich je im Leben kennenlernen werde.
Und auch jetzt, 2 Wochen später, generiert dieses Reel noch Traffic. Likes. Kommentare.
Viele Kommentare und Nachrichten.
Die Freude (kurz)
Zuerst war ich: Wow. Oder wie wir Deutschen gerne sagen: Oha.
Endlich erreiche ich Menschen. Endlich lesen sie, was ich schreibe. Endlich gibt es Resonanz.
Ich möchte mich auf diesem Wege bei allen bedanken, die sich am Austausch beteiligt haben. Das war schön. Hat Freude gemacht.
Aber.
Der Reality-Check
Was ich bei dem Ganzen nicht bedacht hatte: Natürlich waren keine 40.000 Leute auf meiner Homepage und haben den ganzen Artikel gelesen.
Das ist nachvollziehbar. Weil es Zeit kostet. Okay, 4 Minuten. Aber trotzdem muss man sich damit auseinandersetzen.
Die meisten haben nur das Reel gesehen. 30 Sekunden. Oder nur ein paar Sekunden am Anfang. Schnell durchgescrollt. Vielleicht zweimal geschaut.
Aber den eigentlichen Artikel? Den Kontext? Die metaphorische Brücke?
Nicht gelesen.
Und so kam es, wie es kommen musste.
Willkommen in der Kommentarspalte
Das Ganze wurde zum Schlagabtausch.
Zwischen Wal-Schützern. Wal-Verstehern. Gutmenschen. Besserwissern. Empörten. Beleidigten.
Und irgendwo dazwischen – ganz vereinzelt – Menschen, die den Artikel tatsächlich gelesen hatten. Die die metaphorische Brücke verstanden haben. Die wussten, worum es mir ging.
Was da stand
Die Kommentarspalte und meine Nachrichten wurden geflutet.
Aber natürlich waren nur die wenigsten sachlich.
Man hatte mich direkt verurteilt. Zu einem überheblichen Besserwisser. Einem „arrogant herabschauenden Verfasser”.
„Schäm dich”, schrieb einer.
„Du hast keine Ahnung von Walen”, schrieb ein anderer.
„Typisch Mensch – denkt nur an sich selbst”, schrieb eine Dritte.
Dazu muss ich erwähnen: Ich habe nie etwas über den Zustand des Wals geschrieben. Nie gesagt, was mit ihm zu machen ist. Nie behauptet, Wal-Experte zu sein.
Aber okay. Es soll wohl so sein.
Die Typen
Im Nachhinein habe ich die Kommentare sortiert. Weil ich verstehen wollte: Was passiert da eigentlich?
Und siehe da – es gibt Muster.
Typ 1: Der Besserwisser
„Hättest du dich informiert, wüsstest du…”
„Ich als Meeresbiologe kann dir sagen…” (Spoiler: War kein Meeresbiologe. Stand im Profil: Hobby-Angler.)
„Du hast keine Ahnung, wovon du redest.”
Thema Wal? Auf jeden Fall nicht.
Typ 2: Der Moralapostel
„Wie kann man sich über einen sterbenden Wal freuen?”
„Das zeigt, was mit unserer Gesellschaft los ist.”
„Schäm dich.”
Typ 3: Der Beleidigende
„Du bist ein Idiot.”
„Wer schreibt so einen Quatsch?”
„Das Dümmste, was ich je gelesen habe.”
Typ 4: Der “Hab-den-Artikel-gar-nicht-gelesen”-Kommentator
Kommentiert aufgrund des Reels.
Hat den eigentlichen Text nicht gelesen.
Kritisiert Dinge, die gar nicht im Artikel stehen.
Hauptsache: Meinung geäußert.
Dieser Typ war am häufigsten.
Die Frage
Und ich saß da. Und dachte: Warum?
Warum sind Menschen im Internet so?
Warum denken alle, sie müssen ihre Meinung sagen – auch wenn sie den Text nicht gelesen haben?
Warum so gemein?
Was hat der Kommentator davon, einen Fremden zu beleidigen?
Würden sie das auch sagen, wenn wir uns gegenübersitzen?
(Wahrscheinlich nicht.)
Für Profis, Influencer und routinierte Blogger ist das alles nichts Neues. Für mich als Nutzer von Instagram und Co auch nicht – aber das erste Mal als Betroffener schon.
Die Theorie
Im Internet sind wir anonym.
Wir sehen die Person dahinter nicht. Kein Gesicht. Keine Reaktion. Keine Konsequenzen.
Nur Buchstaben auf einem Bildschirm.
Und das macht es einfacher, gemein zu sein.
Die Distanz schützt uns. Vor Empathie. Vor Nachdenken. Vor Verantwortung.
Wir können sagen, was wir wollen. Und danach einfach weiterscrollen.
Das Verrückte
Im Internet ist jeder Experte.
Für alles.
Wal-Experten (obwohl sie noch nie einen gesehen haben).
Patchwork-Experten (obwohl sie keine Patchwork-Familie haben – noch nicht mal Kinder).
Schlaf-Experten (obwohl sie selbst schlecht schlafen).
Die Kommentarspalte ist voll von Menschen, die alles besser wissen.
Aber nichts besser machen.
Was das mit mir macht
Ehrlich? Die Kommentare haben mich getroffen.
Nicht alle. Aber manche.
Ich habe überlegt: Hätte ich anders schreiben sollen? War ich zu flapsig? Zu unkritisch? Zu naiv?
Habe ich etwas falsch gemacht?
Dann habe ich die Kommentare nochmal gelesen.
Und gemerkt: Nein.
Die meisten haben den Artikel nicht mal richtig gelesen. Sie haben das Reel gesehen. Eine Überschrift gelesen. Und kommentiert.
Ohne zu verstehen, worum es eigentlich ging.
Die Entscheidung
Ich habe für mich entschieden: Ich gehe nicht mehr auf die Kommentare ein.
Ich antworte nicht. Ich rechtfertige mich nicht. Ich diskutiere nicht. Ich schütze mich dadurch.
Zu Beginn hatte ich versucht zu antworten. Aber die kommende Welle war schlichtweg nicht machbar.
Warum?
Weil es nichts bringt.
Die Menschen, die beleidigen wollen, wollen keine Diskussion. Sie wollen Aufmerksamkeit. Sie wollen sich besser fühlen, indem sie andere runtermachen.
Und das gebe ich ihnen nicht. Das gebe ich mir nicht.
Die Perspektive
40.000 Menschen haben das Reel gesehen.
Über 100 haben kommentiert. Natürlich erstmal nicht viel – für mich als Anfänger sehr viel.
Hinzu kommen noch direkte Nachrichten. Auch sehr viele.
Die meisten aber schauen still. Nicken vielleicht. Oder nicht. Und scrollen weiter.
Die Kommentarspalte zeigt nicht die Realität. Sie zeigt die Extremen.
Die schönen Kommentare
Es gab auch schöne Kommentare und Nachrichten.
„Genau so fühle ich mich auch.”
„Danke, dass du das aussprichst.”
„Endlich sagt’s mal einer.”
Die haben mich mehr berührt als die negativen.
Weil sie zeigen: Ich bin nicht allein.
Mit meinen Gedanken. Mit meinen Zweifeln. Mit meinem Chaos.
Und das ist das Wichtigste.
Der Unterschied
Im echten Leben sind die meisten Menschen nett.
Oder zumindest: neutral.
Wir sagen „Guten Tag”. Wir halten Türen auf. Wir lächeln.
Im Internet? Vergessen wir das alles.
Weil da keine echte Person steht. Sondern nur ein Name. Ein Profilbild. Ein Text.
Und das macht es einfacher, gemein zu sein.
Was ich gelernt habe
Die Kommentarspalte sagt mehr über den Kommentator als über den Autor.
Wer beleidigt, zeigt seine eigene Frustration.
Wer der Besserwisser ist, zeigt seine eigene Unsicherheit.
Wer hatet, zeigt seine eigene Unzufriedenheit.
Das ist nicht mein Problem. Das ist ihres.
Und ich?
Ich schreibe natürlich weiter. Und lerne daraus.
Trotz der negativen Kommentare. Trotz der Besserwisser. Trotz der Beleidigungen.
Warum?
Weil die positiven Menschen zählen. Nicht die paar Negativen.
Weil es um mich und meine Gedanken geht. Und ich niemanden belehre.
Weil die schönen Kommentare zählen.
Weil ich schreibe, um gehört zu werden. Nicht, um es allen recht zu machen.
Denn es ist meine Story.
Und bei all dem möchte ich sagen: Ich meine das hier nicht traurig. Nicht verletzend. Nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger.
Nein. Wie immer will ich versuchen zu verstehen. Zu hinterfragen. Antworten zu suchen.
Habt ihr auch schon mal etwas online gestellt und negative Kommentare bekommen? Wie geht ihr damit um? Antwortet ihr? Ignoriert ihr?
Und mal ehrlich: Habt ihr selbst schon mal negativ kommentiert? Warum? Was hat euch dazu getrieben?
Und die wichtigste Frage: Warum sind wir im Internet so anders als im echten Leben?
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